Irgendwie haben alle Stöpsel in den Ohren

Ich bin Pendlerin. Ich fahre werktäglich mit der Deutschen Bahn und mit mir viele andere Menschen. Dabei fällt mir auf, dass ich und einige wenige andere allmählich zu Dinosaurieren werden. Warum? Weil wir mit unserem Buch in der Hand zur Ausnahme werden. Fast alle Menschen morgens auf dem Bahnsteig sind in irgendeiner Weise elektronisch verkabelt. Noch vor wenigen Jahren wären Menschen, die scheinbar mit sich selber redend (am frühen Morgen wohlgemerkt!) für verrückt und seltsam erklärt worden. Aber man hat sich daran gewöhnt. Denn diese Menschen telefonieren ja nur. Daneben gibt es dann jene Mitmenschen, die scheinbar immer ihr Mobiltelefon am Ohr haben und schon morgens um acht Uhr höchstwichtige Gespräche führen oder auch Murat, der sich nur bei seinem Kumpel erkundigen möchte, „ob wir nachher noch Domplatte gehen“. Die meisten anderen haben Kopfhöhrer in oder auf den Ohren und lassen sich von ihrem MP3-Player berieseln. Einige andere packen inzwischen, kaum das man in der morgendlich überfüllten Bahn einen Sitzplatz gefunden hat, ihr Notebook aus und stöpseln auch hier wieder die Kopfhörer ein. Ich habe tatsächlich schon Leute gesehen, die sich am frühen Morgen erst mal eine DVD reinziehen. Andere erledigen anscheinend schon mal vorab Büroarbeit, wieder andere schauen nur mal, wer gerade so im Messenger ist. Neulich saßen mir dann morgens in der S-Bahn wirklich ein paar kleine Jungs gegenüber, die eifrig mit ihrem Mobiltelefon Fotos schossen (und mich grimmig dreinblickend vermutlich auf jedem am Rande hatten).

Es ist nicht so, dass ich elektronische Geräte nicht mag oder nicht auch meinen MP3-Player in der Jackentasche hätte. Allerdings packe ich ihn nur aus, wenn ich entweder extrem müde bin oder mich irgendwelche Mitreisenden mit nervigem Geschwätz belästigen. Grundsätzlich mag ich es überhaupt nicht, mit Beschallung auf den Ohren durch die Gegend zu laufen. Ich mag die Geräusche, die mich umgeben und ich mag auch den Gesprächen anderer Leute lauschen, nicht aus Neugier, ich würde es eher als Interesse an anderen bezeichnen. Mit Kopfhörern auf den Ohren kommt man niemals mit seinem Sitznachbarn ins Gespräch. Ich führe oft auf Bahnfahrten kurze nette Gespräche mit Mitreisenden. Ich mag das auch sehr. Denn ich bin doch ein Mensch unter Menschen. Ich finde das spannend und faszinierend. Außerdem kommen so auch wirklich schöne Momente zustande und man spürt, dass jeder anders ist und seine Geschichte hat.

Kurz vor Weihnachten gab es einen lustigen Zwischenfall: Der Zug verließ gerade den Deutzer Bahnhof in Richtung Siegburg, ich war schon in mein Buch vertieft, ebenso wie der Mann mir gegenüber und die beiden Frauen schräg gegenüber. Plötzlich klingelte das Telefon des Mädchens, das rückwärts vor mir im Sitz saß. Es handelte sich um ein Mädchen, welches am nächsten Tag seinen 14. Geburtstag feiern sollte und deshalb nochmal mit seiner Mutter telefonierte. Es wünschte sich sehr dringend ein neues „Handy“ oder „wenigstens einen MP3-Player“. Auch beschwerte sie sich, dass ihre Mutter ihr keinen Kuchen zum Geburtstag gebacken hat, sondern den ganzen Tag nur rumgehangen hat. Dabei wurde sie gegenüber ihrer Mutter extrem ausfallend, wie ich es mich mit meiner Mutter zu reden nie getraut hätte. Allmählich legte ich mein Buch zur Seite, da die Lautstärke des Telefonats dafür sorgte, dass ich mich nicht mehr konzentrieren konnte. Wie ich dabei bemerkte, ging es dem Mann mir gegenüber ebenso. Ich lauschte autmatisch dem Gespräch des Mädchens und musste in mich reingrinsen. Die war noch so kindisch-amüsant, dass ich lachen musste. Als ich meinen Blick zur Seite wandte, bemerkte ich, dass die Frauen mir gegenüber ebenfalls gerade ihre Bücher zur Seite legten und losprusteten. Wir sahen uns an und mussten alle laut lachen. Das ging so weit, dass wir alle zusammen laut lachten und mir der Bauch langsam weh tat. Bei jeder neuen Antwort des Mädchens gröhlten wir los oder hatten schon eine Antwort für sie parat. Uns liefen die Tränen runter und die eine Frau bemerkte noch, dass sie so niemals mit ihrer Mutter geredet hätte. Wir überlegten langsam, ob wir für ein neues Telefon sammeln sollten. Als wir nach einer Viertelstunde in Siegburg ankamen, mussten die ersten beiden aussteigen, worüber sie selbst sehr traurig waren, da sie nun das interessante Telefonat verpassten. Eine der Frauen treffe ich inzwischen regelmäßig im Zug und es hat sich eine nette Bekanntschaft entwickelt. Ich mag so was wirklich sehr, auch wenn sich in diesem Fall über jemand anderen lustig gemacht wurde. Ich mag es, mit anderen zu lachen, zu merken, sie denken wie ich. Ich bin offen und spreche Leute auch gerne an, wenn ich zum Beispiel merke, sie suchen etwas oder brauchen Hilfe. Nicht jeder hat das gerne. Neulich umgriff eine ältere Dame sofort feste ihre Handtasche und schrie laut „Ich brauche keine Hilfe!“, als wenn ich ein Taschendieb mit einer schlechten Masche wäre. So weit ist es schon gekommen, so selten treten Menschen miteinander in Kontakt, dass sie denken, man möchte sie überfallen, wenn man sie anspricht!

Ich würde mir wirklich wünschen, dass ich morgens in der Bahn weniger müde Gesichter mit Stöpseln in den Ohren und dafür mehr lachende, miteinander sprechende Menschen sehen würde. Ich glaube, wir verlernen so traurigerweise einen wichtigen Teil unseres Menschseins – die zwischenmenschliche Kommunikation.

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